3.L | Donnerstag, 1. Mrz 2018 (LV)
Zwei US-Boys auf dem Dorf

Die Großaspach-Drittligakicker Joseph-Claude Gyau (25) und Mario Rodriguez (23) über ihre Herkunft aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten, den gemeinsamen Weg beim Dorfklub und über Maultaschen statt Chicken Wings.

Die Tür fällt hinter ihnen zu, ein kurzes Abschlagen mit den noch anwesenden Teamkollegen und dann geht’s schnurstracks in Richtung Auto. Die Drittligakicker der SG Sonnenhof Großaspach – Mario Rodriguez und Joseph-Claude Gyau kommen gerade von der täglichen Trainingseinheit, welche auf dem Sportgelände rund um die mechatronik Arena in Aspach stattfindet. „Das tägliche Training ist natürlich absolute Routine für uns“ meint SG-Mittelstürmer  Rodriguez und auch sein pfeilschneller Außenbahn-Kollege ergänzt diese Tatsache schmunzelnd mit dem Satz: „da kommst du als Profi nun mal nicht drum rum.“ Die Beiden sind nur wenige von zahlreichen Drittligaprofis die ihre Fußballschuhe für die SG schnüren. Doch anders als die Meisten unter ihnen, haben sie einen etwas extravaganteren Werdegang vorzuweisen. Zwei US-Amerikaner beim Klub aus Aspach.  

Die SG Sonnenhof Großaspach, der „Dorfklub“, wie er regional und gar deutschlandweit genannt wird und dessen eigene Identifikation mit dieser Bezeichnung sogar so elementar ist, dass sich der Klub aus dem Schwäbischen Wald diesen Namen Ende 2016 sogar vom Deutschen Patent- und Markenamt (DPMA) offiziell eintragen und schützen ließ. „Dorfklub heißt keinesfalls, dass man sich Entwicklungen verschließt, sondern vielmehr, dass man in gewissen Bereichen noch mehr Einsatz, eine noch größere Innovationskraft benötigt und andere Wege gehen muss als andere Wettbewerber“, gibt SG-Präsident Werner Benignus den entscheidenden Schritt im Rahmen der Markeneintragung wieder.

Knapp 8.000 Einwohner prägen das Leben in der kleinen Gemeinde Aspach, in der sich auch heute noch gemäß des stilechten Dorfcharakters auf der Straße begrüßt wird und in der altertümliche Landschaftsfahrzeuge den Berufsverkehr auf den Aspacher-Hauptstraßen schmücken. Damit ist Aspach tatsächlich die kleinste Gemeinde im deutschen Profifußball. Dennoch spielt die ortsansässige SG aktuell ihre vierte Saison in der dritthöchsten Spielklasse Deutschlands gegen ehemalige Meister, Pokalsieger, Ex-Bundesligisten und Europapokalteilnehmer wie beispielsweise den Karlsruher SC, den 1. FC Magdeburg oder den F.C. Hansa Rostock. Immerhin 10.001 Plätze umfasst die mechatronik Arena – das Schmuckstück der SG Sonnenhof Großaspach, welche u.a. gegen die SG Dynamo Dresden und den KSC bereits das ein oder andere mal in einen Hexenkessel umfunktioniert wurde. Die Zielführung sowie Entwicklungslinie der Vereinsverantwortlichen ist klar vorgegeben. Als Aus- und Weiterbildungsverein will man vor allem eins: Talente fördern. Bröndby IF-Star Benedikt Röcker, Dynamo Dresden-Torjäger Lucas Röser und FC Ingolstadt-Mittelfeldabräumer Tobias Schröck sind nur wenige Beispiele für ehemalige Aspacher-Akteure, welche den Verein aus dem Rems-Murr-Kreis einst als Sprungbrett ins Oberhaus des deutschen Profifußballs nutzten. Mit Blick auf die aktuelle Tabellenkonstellation beschäftigt sich der Verein auch weiterhin mit vielen Dingen. An den Abstieg nach vier erfolgreichen Jahren in der 3. Liga zurück in die Regionalliga Südwest werden aber wohl aufgrund der aktuellen Tabellenposition nur die wenigsten einen Gedanken verschwenden. Der Dorfklub ist auf bestem Wege auch in diesem Jahr seine sportlichen Ziele zu erreichen und diese sogar aufgrund professioneller und seriöser Arbeit auf und neben dem Platz gar zu übertreffen.

„Wir können uns hier prima auf den Fußball konzentrieren und das ist das, was am Ende zählt“, gibt Mario Rodriguez selbstsicher von sich. Zusammen leben er und Joseph-Claude Gyau gemeinsam mit Mitspieler und Sturm-Partner Saliou Sané in Kleinaspach. Jo, welcher ursprünglich aus Silver Springs nahe Florida stammt und Mario, der aus North Hollywood/Los Angeles kommt, sind längst in die Mannschaft integriert und sorgen durch ihre lockere Art für jede Menge witzige Momente im Team. Doch wie fühlt sich ein junger Fußballprofi eigentlich, wenn er tausende von Kilometern von zu Hause entfernt ist, in einem Örtchen, das nicht mal annähernd an die Einwohnerzahl ihrer amerikanischen Metropolen herankommt? Mario Rodriguez ist sich seiner Antwort sicher: „Wenn du hier bist, um Fußball zu spielen, dann ist die Einstellung ohnehin ganz anders. Dann kannst du mit der richtigen Einstellung theoretisch überall leben. Wir gehen hier Tag für Tag unserem Traumjob nach, dafür musst du eben auch das ein oder andere aufgeben – seien es die Familie oder die Freunde in der Heimat.“ Auch Jo Gyau gesteht ein: „In Aspach fühlen wir uns absolut wohl. Der Verein kümmert sich gut um uns, ich habe eine nette Wohnung zusammen mit Mario und Sali gefunden und habe hier in der Umgebung natürlich die besten Möglichkeiten, um mit meinem Husky Blaze durch’s Feld zu flitzen.“

Die beiden talentierten Kicker kommen im zarten Alter von 18 Jahren ohne Familie oder Freunde nach Deutschland, nachdem sie zuvor beide am nachwuchsfördernden „Under-17 Residency Program“ in Florida teilgenommen hatten und von Scouts schließlich erfolgreich gesichtet wurden. Mario Rodriguez’ Weg führt ihn zunächst nach Kaiserslautern, Joseph-Claude Gyau nach Hoffenheim. Die beiden US-Boys leben zunächst bei Gastfamilien und sind anfangs noch mit den alltäglichen Schwierigkeiten des Alleinseins sowie der ungewohnten Selbständigkeit in einem fremden Land konfrontiert. „Der Schritt war anfangs natürlich wirklich hart“, meint Jo Gyau. „In diesem Alter völlig allein ohne Familie und Freunde mit denen du zuvor jeden Tag zusammen warst nach Deutschland zu ziehen ist alles andere als einfach. Auch dadurch, dass es das iPhone damals hierzulande noch gar nicht gab, hatte ich damals nur ein einfaches Prepaid-Handy womit ich logischerweise nicht mit meiner Familie videochatten konnte. Als ich nach ein paar Monaten dann aber einen Laptop hatte, war das kein Problem mehr.“ Etwas leichter hingegen, schien Mario Rodriguez seine Eingewöhnung in der beschaulichen Pfalz zu fallen. „Es war super in Kaiserslautern. Meine Gast-Mama und mein Gast-Papa haben mir meine Eingewöhnung so leicht wie möglich gemacht und mich unterstützt wo es nur ging“, schildert der 1,84 m große Mittelstürmer mit mexikanischen Wurzeln seine ersten Erfahrungen in Deutschland. 

Joseph-Claude Gyau zog es über die TSG 1899 Hoffenheim, den FC St. Pauli und Borussia Dortmund schließlich zur SG Sonnenhof Großaspach. Mario Rodriguez wechselte über die Stationen 1. FC Kaiserslautern, Borussia Mönchengladbach, SG Dynamo Dresden und Chemnitzer FC anschließend zum Dorfklub. Zwar durchliefen beide Akteure auch Stationen im amerikanischen Nachwuchsbereich, letztendlich kommen Mario und Jo aber zu einer abschließenden Erkenntnis was den Vergleich zwischen den unterschiedlichen Systemen der zwei Sportnationen USA und Deutschland angeht. Jo Gyau ist sich sicher, „die Organisation im deutschen Fußball ist um einiges besser als in den USA. Hier hat quasi jedes Dorf und jede Stadt seinen eigenen Verein. Sogar Aspach hat hier in der unmittelbaren Umgebung mehrere Vereine, mit Jugendteams von klein auf. Außerdem zahlst du hier in Deutschland nur deinen eigenen Mitgliedsbeitrag, um Fußball zu spielen, in unserer amerikanischen Heimat ist das ganz anders. Dort verläuft es mit dem Mitgliedsbeitrag etwas komplizierter ab. Der Betrag ist höher und man kann das Ganze organisatorisch eher mit einem Fitnesscenter vergleichen.“ Sein Mitspieler und Mitbewohner Mario Rodriguez ergänzt: „Die USA befinden sich momentan noch in der Entwicklungsphase was das Fußball-System angeht, machen aber bereits sehr gute Fortschritte. So ein System muss natürlich erst einmal reifen.“ Die Beiden sehen im deutschen System dennoch Defizite im Vergleich zum Amerikanischen: „Im Athletikbereich genießen die Nachwuchssportler in den USA aktuell noch einen Vorteil gegenüber den Deutschen. Auf diesen Bereich wird extrem viel Wert gelegt und das merkt man auch.“ Sie selbst fingen – für viele wohl überraschend – gar nicht mit Fußball als primäre Sportart an, sondern versuchten sich zunächst an anderen Spielgeräten. „In den USA hast du natürlich Sportarten die dem Fußball noch deutlich übergeordnet sind. Meine erste Sportart war zum Beispiel Basketball“, meint der 25-jährige Gyau. „Und bei mir war es Baseball“, lenkt Rodriguez ein. Wie kommt es aber dann, dass man sich in einer Nation, welche ausnahmslos von American Football, Basketball, Baseball und Eishockey geprägt wird, am Ende dann doch für die Sportart mit dem Ball am Fuß entscheidet? Sowohl Rodriguez als auch Gyau haben jeweils eine entscheidende und einleuchtende Argumentation parat. „Mein Vater war ja selbst Profifußballer und irgendwann kam dann logischerweise auch bei mir diese Liebe zum Ball. Ich denke, das ist eher unspektakulär aber absolut nachvollziehbar“, meint der humorvolle Gyau. „Bei mir war es so, dass mein Vater großer Baseball-Fan ist und er diesen Fable dafür sozusagen an mich weitergegeben hat. Als ich aber eines Tages einen Ball nicht sicher fangen konnte und ihn mit voller Wucht auf’s Auge bekam wusste ich, jetzt musst du definitiv was ändern“, gesteht Rodriguez lachend ein.  

Mit dem Ball am Fuß also für den Dorfklub in der 3. Liga für Furore sorgen. Das ist das, was Mario Rodriguez und Joseph-Claude Gyau aktuell vorantreibt und auch das, wofür sie leben. Und wie verbringt man einen freien Tag im schwäbischen Aspach. Etwa anders als in LA oder Florida? Die Antwort darauf zusammengefasst in einem Wort? Professionell! „An unserem freien Tag gehen wir nebenher noch gerne ins WM-Fitnessstudio nach Backnang, um unserem Körper etwas Gutes zu tun. Oft gehen wir aber auch ins Wonnemar und genießen einfach mal die Regeneration im Wasser oder in der Sauna“ gibt Mario Rodriguez schmunzelnd zu. Gyau ergänzt: „In Aspach gehen wir aber auch gern beim Italiener zusammen essen, das ist dann auch immer ganz entspannt, wenn man untereinander mal ins Plaudern gerät.“ Nach Stuttgart oder weiter entferntere Regionen zu pendeln kommt für das US-Duo eigentlich nicht in Frage. „Ab und zu gehen wir zum Essen mal nach Stuttgart, unter der Woche passiert das aber eher selten. Da brauchen wir schon einen guten Grund, da uns der Stau in der Stadt meistens in den Wahnsinn treibt“, muss Jo Gyau an dieser Stelle gestehen. Als etwas außergewöhnlich erscheint dann aber der wohl meistbesuchte Ort der Beiden in ihrer Aspacher Umgebung. „Meistens sind wir dann doch beim Kaufland in Backnang, um unsere Einkäufe für die Woche zu tätigen. Das kommt schon drei bis vier Mal die Woche vor“, muss Rodriguez lachend eingestehen. „Da kommt es dann aber auch schon vor, dass Leute Fotos mit uns machen wollen oder auch ein Autogramm möchten. Das freut uns natürlich und daher machen wir das auch sehr gerne und jederzeit“, unterstützt Gyau die Pläne seines Shopping-Partners.

Als ein gar witziger Zufall entpuppt sich die Ankunft von Rodriguez und Gyau beim Dorfklub. Wussten sie doch gar nicht voneinander, dass die SG bereits einen von Ihnen in der Winterpause verpflichtet hatte. Jo klärt auf: „Als ich hierher kam wusste ich nicht, dass noch ein weiterer Amerikaner in der Mannschaft ist. Ich war zwar über Torwart-Trainer David Yelldell informiert, welcher ja ebenfalls amerikanische Wurzeln hat und zu dem wir Beide engen Kontakt haben, aber nicht, dass Mario mittlerweile auch hier ist. Als ich dann beim Testspiel der SG in Hoffenheim im Januar vergangenen Jahres in die Kabine kam und auf einmal Mario sah, da musste ich schon schmunzeln.“ Er fügt hinzu: „Wir kannten uns bereits aus seiner damaligen Zeit bei Borussia Mönchengladbach und meinem Engagement bei Borussia Dortmund. Wir haben uns angeguckt und beide nur gedacht, ‚Hey, was machst du denn hier?’.“Auch Mario meint: „So klein ist die Welt.“ Umso leichter fiel den US-Boys die Eingewöhnung im kleinen Aspach. Gut zu wissen, wenn man den ein oder anderen Landsmann in seiner Mannschaft hat.

Trotz ihres jungen Alters bringen Mario und Jo bereits reichlich Erfahrung von deutschen Profivereinen mit nach Aspach. Joseph-Claude kam bei der TSG 1899 Hoffenheim und Borussia Dortmund unter Ex-SG-Coach Markus Gisdol als auch Jürgen Klopp sogar insgesamt drei Mal in der Bundesliga zum Einsatz. „Jürgen Klopp ist genauso, wie ihn die Menschen auch im Fernsehen zu Gesicht bekommen. Er agiert ganz nach dem Motto, wenn du bei mir nicht läufst, dann spielst du auch nicht. Man weiß von Anfang an, worauf es bei ihm ankommt und worauf er Wert legt. Er respektiert jeden einzelnen Spieler und ist stets freundlich. Kurz gesagt: er ist ein super Trainer“, lässt der ehemalige Klopp-Schützling seine damalige BVB-Zeit Revue passieren. „Meine beste Zeit hatte ich beim 1. FC Kaiserslautern“, ist sich Mario sicher. „Was ich dort alles gelernt habe und wie ich mich dort selbst weiterentwickelt habe. Das war wirklich eine tolle Zeit und gleichzeitig eine wichtige Grundlage für meine weitere Laufbahn. Ich war immer positiv eingestellt und habe hart gearbeitet.“

Auch für die Nationalmannschaft waren die Drittliga-Kicker schon im Einsatz. Rodriguez kommt immerhin auf zahlreiche Einsätze in den Junioren-Nationalmannschaften, Gyau durfte sogar schon unter Jürgen Klinsmann in der A-Nationalmannschaft ran. Jo versucht es in Worten zu beschreiben: „Für die Nationalmannschaft zu spielen ist natürlich ein unbeschreibliches Gefühl. Es gibt so viele Menschen in den USA und dann als einer von wenigen für so etwas  auserwählt zu werden, das kannst du in diesem Moment einfach nicht in Worte fassen.“

Auch in Sachen deutsche Hausmannskost sind sich Rodriguez und Gyau einig. Der Vorbildathlet Jo schreitet voraus: „Ich glaube was die deutsche Küche angeht, kennen wir uns mittlerweile ganz gut aus. Meine Gastmutter aus Hoffenheim-Zeiten hat früher immer Maultaschen oder Spätzle gemacht, das geht auf jeden Fall klar.“ Mario unterbricht seinen Kumpane herzhaft lachend  mit der Erkenntnis: „Ab und zu brauchst du halt aber einfach auch mal einen Burger oder Chicken Wings aus der Heimat, das muss einfach sein, wenn es der Ernährungsplan zulässt.“

                                                                                                                                                              Fotos: Aaron Gruber